Freitag, 20. Juli 2012

Südtirol 2012 - Tartscher Bühel, die Dritte - Kleiner Streifzug von der Frühgeschicht bis zur Gegenwart dieses Kultplatzes

St. Veit auf dem Tartscher Bühel
An der Dorfkirche in Tartsch treffen sich 12 Interessierte zur Führung auf den Tartscher Bühel, die eine einheimische Lady leitet (nachfolgend 'Guide' genannt). Unser Guide ist nicht unangenehm, wirkt aber spröde und verschlossen. Sie macht sich nicht mit uns bekannt und gibt keinen Rahmen ihres Führungskonzeptes vor. Bei einer einstündigen Führung entsteht kein Problem, weil gruppendynamische Prozesse gar nicht erst aufkommen und die Teilnehmer nur an Informationen interessiert sind. Die Informationen bleiben eher oberflächlich. Solidität und Belastbarkeit der kommunizierten Informationen sind nicht einschätzbar, weil keine Quellen genannt werden. Wir hätten gerne ein Informationsblatt mitgenommen, das jedoch nicht angeboten wird. Notizen sind auf dieser kleinen Exkursion nämlich kaum möglich. Da die Informationen deutsch und italienisch vermittelt werden und Wege zurückzulegen sind, bleibt die Informationausbeute unter dem Strich klein. Wir erhalten immerhin die Gelegenheit, St. Veit von innen zu besichtigen und nehmen einige Anregungen mit, die wir selbst recherchieren können. Link: Fotoserie

St. Veit auf dem Tartscher Bühel

Schalenstein als Hexenfalle auf der Schwelle zu St. Veit
Auf dem Weg zur Kirche St. Veit macht unser Guide auf 'Schalensteine' aufmerksam, ansonsten unbearbeitete Steine oder Felsen mit muldenförmigen Vertiefungen, die spontan als Artefakte wahrgenommen werden. Unser Guide erklärt sie gemäß der am weitesten verbreiteten Deutung als 'Opferschalen'. Wir erkennen 'Weihwasserbecken', die in der christlichen Symbolik umgedeutet und integriert wurden. Tatsächlich ist die Sachlage weniger eindeutlig und wesentlich komplexer.
Link: Wikipedia-Artikel Schalensteine  
Die Mauer um St. Veit erklärt unser Guide als 'Asylmauer', hinter der Verfolgte Schutz fanden.






Innenraum St. Veith
Aufgrund archäologischer Untersuchungen ist bekannt, dass auf dem Tartscher Bühel ein prähistorischer Siedlungsplatz lag, dessen Spuren bis in die Jungsteinzeit reichen (ca. 5.000 Jahre v. Chr.). Die um 1100 erbaute Kirche hatte wahrscheinlich eine karolingische Vorgängerkirche, die wiederum auf dem Opferplatz einer vorchristlichen Kultstätte errichtet wurde. Warum die vorchristliche Kultgemeinschaft ihren Siedlungspatz auf dem Tartscher Bühel verlassen hat und vermutlich auf das 'Ganglegg' umgezogen ist, bleibt im Dunkel der Frühgeschichte verborgen.
Link: Post vom 10.07.2012 über das Ganglegg






Määnderfries und figürlichen Darstellung
Christusdarstellung in der Wölbung
Aus heutiger Sicht  sind nur die um 1200 entstandenen und lediglich fragmentarisch erhaltenen romanischen Fresken der Apsis von kunsthistorischer Bedeutung. Aufgrund des Malstils und der Motive können die Fresken Meistern der Marienberger Abtei zugeordnet werden. In der Wölbung ist Christus in der Mandorla dargestellt. Auf der Höhe von ca. 1 m teilt ein Mäanderfries mit Perlstabband die figürlichen Darstellungen. Oberhalb des Mäanders befinden sich christliche Motive. Sie stellen die Apostelreihe zwischen Heiligen dar. Zwei am Rand zu erkennende Personen werden als unbekannte Stifterfiguren gedeutet. Unterhalb des Mäanders zeigt das Fresko weltliche Mortive, wie zwei miteinander kämpfende Seeungeheuer und einen Krummhorn blasenden Musiker.

Engadiner Altar vor romanischem Fresko der St. Veit Legende
Während aus heutiger Sicht im Innenraum von St. Veit die Reste karolingischer Fresken als bedeutend gelten, ist das auffälligste Objekt in St. Veit ein gotischer Flügelaltar aus dem Engadin. Josef Rampold, wichtigster Autor der Südtiroler Landeskunde, wertet in seinem Standardwerk über den Vinschgau (Josef Rampold, Vinschgau, Bozen 1971) den Engadiner Altar im gotischen Stil als “kostbare(n) Schatz vom Tartscher Bühel“ (S. 253). Der Altar ist 1514 in der Werkstatt des Schweizer Meisters Ivo Strigel entstanden und kam um das Jahr 1580 nach St. Veit. Das Hauptbild des Altars stellt den Heiligen Mauritius dar, der insbesondere in der Schweiz verehrt wurde (daher 'St. Moritz'!) und dessen Heiligenlegende ähnlich hanebüchen ausfällt wie die Legende des Heiligen Veit. (Bei Interesse sei auf die 'Legenda Aurea' verwiesen:
Link: Lexikon der Heiligenlegenden)
  


Der gotische Flügelaltar ist inzwischen nicht mehr der Hauptaltar in St. Veit, weil er die wertvollen Fresken verdecken würde. Er wurde zur Seite gerückt und verdeckt nun teilweise den Bilderzyklus der Fresken an der Seitenwand gegenüber dem Kircheneingang. Dieser Bilderzyklus stellt Begebenheiten aus der Legende des Heiligen Veit (Sank Vitus) dar, der unter Diokletian 304 in Lukanien, Süditalien, starb und als einer der 'Vierzehn Nothelfer' verehrt wird. St. Veit ist Schutzpatron der Apotheker, Gastwirte, Bierbrauer, Winzer, Kupferschmiede, Tänzer und Schauspieler, der Jugend, der Haustiere. Er wird angerufen, um Krämpfe, Epilepsie, Tollwut, Veitstanz, Bettnässen und Schlangenbiss zu heilen. Verehrt wird St. Veit vor allem von Gebieten mit slawischen Wurzeln, wo er den slawischen Gott Svantevit verdrängte. Der Veitsdom auf der Prager Burg, Krönungkirche böhmischer Könige, bezeugt diese Zusammenhänge. Warum die Kirche auf dem Tartscher Bühel gerade St. Veit gewidmet wurde, war nicht zu ermitteln.


Nach dem Brand von 1499 ergänze Holzdecke
Originaldecke in St. Veit
Dass im Vinschgau ein Engadiner Alter aufgestellt wurde, muss zunächst verwundern. Das Habsburgische Tirol und die Eidgenossen waren nämlich Feinde, die sich über einen längeren Zeitraum bekriegten, weshalb Maximilian I. u. a. die Stadtbefestigung von Glurns veranlasste, der Glurns heute sein touristisches Interesse verdankt. Bei der Schlacht am Calven (eine Talenge zwischen dem Vinschgau und dem Münstertal) errangen die Bündner am 22.05.1499 einen entscheidenden Sieg gegen Maximilians Truppen im 'Engadiner Krieg' (auch als 'Schwabenkrieg' bezeichnet). Die Bündner verfolgten die Fliehenden weit in den Vinschgau hinunter und töteten nicht nur 5.000 Soldaten, sonderten plünderten das obere Vinschgau bis nach Schlanders. Sie brannten die Dörfer Mals, Glurns und Laatsch nieder und brachten alle männlichen Bewohner um, die älter als 12 Jahre waren. Auch St. Veit brannte. Der Brand nach der 'Clavenschlacht' vernichtete im Kircheninnenraum einen Teil der historischen Holzdecke, der ersetzt werden musste. Alt und neu sind nicht nur wegen ihrer unterschiedlichen Patina deutlich zu erkennen. Die Rosetten der ursprünglichen Deckenhälfte haben sieben Blätter und verweisen auf die göttliche Bedeutung der Zahl 7, die bereits in der babylonischen Kultur nachzuweisen ist und sich im Judentum und im Christentum fortsetzt. Die Deckenrekonstruktion nach dem Brand von 1499 zeigt dagegen Rosetten mit acht Blättern, die auch noch unsauber aufgereiht sind. Schlampige Arbeiten scheinen nicht nur ein Problem unserer Zeit zu sein.

Für den Soziologen ist ein anderes Phänomen deutlich interessanter. Erlebnisse von der Art der 'Calvenschlacht' haben traumatischen Charakter und bleiben gewöhnlich über Jahrhunderte im kollektiven Bewusstsein erhalten. Dass trotzdem ein Engadiner Altar in St. Veit aufgestellte wurde, mag darauf zurückzuführen sein, dass während der Reformation im Engadin viele Altäre zerstört, veräußert oder verschenkt wurden. Sie waren daher günstig zu bekommen, Feindschaft hin oder her. In Köln würde man von einem 'Schnäppschen' sprechen und ebenfalls nicht so genau hinschauen, wie es zustande kommt.

Dass die Kirche St. Veit relativ originalgetreu erhalten ist, mag auch Joseph II. zu verdanken sein. Er ließ nämlich St. Veit und viele andere Kirchen seines Herrschaftsgebietes zusperren. Um Geld zu sparen, öffentliche Haushalte zu entlasten oder zu konsolidieren und die Produktivität zu erhöhen, ordnete Joseph II. etliche Reformen an. Die hohe Kirchendichte betrachtete Joseph II. als Überversorgung und Verschwendung, weshalb er viele Kirchen schließen ließ. Volkswirtschaftlich unproduktive Orden hob er auf und ließ 700 Klöster schließen. Viele Feiertage, Kirchenfeste, Wallfahrten, Prozessionen etc. wurden abgeschafft.

Josephs Motivation war durchaus ehrenwert und auf eine Zukunft ausgerichtet, die seinen Bürgern nachhaltige Verbesserungen sichern sollte. Trotzdem war Joseph II. unbeliebt und sogar verhasst, weil er sich um kleinste Details persönlich kümmerte und seine detaillierten Regelungen daher als schikanös empfunden wurden. Manche der Maßnahmen erwiesen sich als wenig durchdacht, wie z. B. die 'Dachsteuer', über die wir in dem Post unserer Wanderung im Stilfser Joch Nationalpark berichtet haben.
Link: Wanderung im Stilfser Joch Nationalpark  

Über den unpopulären Herrscher wurde und wird noch immer gerne Tratsch in die Welt gesetzt. Roland Girtler, ein österreichischer Soziologe, weiß zu berichten, dass Joseph II. häufig Bordelle am Wiener Spittelberg aufgesuchte und bei einem Besuch vor die Tür gesetzt wurde. Eine Inschrift im Haus Spittelberggasse/Gutenberggasse 13 besagt: „Durch dieses Tor im Bogen kam Kaiser Joseph II. geflogen – 1778“. Legitimieren wollte Joseph II. Bordelle jedoch nicht. Auf einen solchen Vorschlag soll er geantwortet haben: „Was, Bordelle? Da brauche ich über ganz Wien nur ein großes Dach machen zu lassen …“ 
Der Legende zufolge wurde der Sohn eines heidnischen Senators Hylas in Mazzara - dem heutigen Mazara del Vallo auf Sizilien - von seiner Amme Crescentia und seinem Erzieher Modestus bekehrt. Schon als 7-jähriger wirkte er Wunder und wurde deshalb von seinem Vater geschlagen und vor den Richter gebracht, weil er nicht von seinem Glauben lassen wollte. Auch der Richter befahl, ihn zu schlagen, aber dem Richter und seinen Knechten verdorrten die Arme, worauf Veit betete und sie heilte. Der Vater schloss ihn mit musizierenden und tanzenden Mädchen ein, die ihn verführen sollten. Als er ihn dabei durchs Schlüsselloch beobachtete, sah er seinen Sohn von sieben Engeln umgeben und wurde blind. Er gelobte vergeblich, einen Stier mit goldenen Hörnern im Jupiter-Tempel zu opfern; erst das Gebet des Sohnes heilte ihn. Trotzdem trachtete er ihm nun nach dem Leben, aber ein Engel veranlasste Veit, mit seinem Lehrer Modestus und seiner Amme Creszentia auf einem Schiff nach Lukanien zu fliehen, wo ihnen ein Adler Brot brachteDeckenrekonstruktion

 

Ausgrabungen auf dem Tartscher Bühel

Blühende Myrten in einer Mulde
Ausgrabung eines rätischen Hauses am Tartscher Bühel
Die Ausgrabung auf dem Tartscher Bühel sind uns aufgrund unseres Besuchs vom 10.07.2012 und eigener Recherchen bereits bekannt: Link: Archäologische Wanderung im Obervinschgau Interessant ist lediglich der Hinweis, dass die archäologisch relevanten Objekte unter blühenden Mulden liegen, in denen wegen des Mauerwerks mehr Wasser als in der Umgebung gespeichert ist. Das Blütenmeer der Myrten weist den Weg. Insgesamt 80-90 weitere Gebäude sind bisher noch nicht untersucht worden. Luftaufnahmen lassen einen ehemaligen Ringwall erkennen, der die Siedlung ehemals umgeben hat.


'Scheibenschlogn'
Alte Kultplätze waren Schauplätze ritueller Handlungen und Bräuche. Ein Brauch, der im Vinschgau vom Schlanderser Raum bis Mals heute noch lebendig geblieben und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung gepflegt wird, ist das 'Scheibenschlagen' (Link: Wikipedia-Artikel Scheibenschlagen). Am "Scheibenschlagsunnta", wie der 1. Fastensonntag im Vinschgau genannt wird (Link: Wikipedia-Artikel Vinschgau), werden am Abend in der Dunkelheit in einem Feuer vorgeglühte runde oder auch viereckige Holzscheiben (Birkenscheiben), die auf eine lange geschmeidige Weidengerte aufgesteckt werden, über ein Führungsbrett von einer Anhöhe aus weit über einen Abhang hinuntergeschleudert

Scheiben vom Tartscher Bühel
Kas in der Tasch,
Wein in der Flasch,
Korn in der Wann,
Schmolz in der Pfonn, 

Pfluag unter d’Eard!
Schaug, wie mein Scheibele weit außigeaht!


Oh reim reim, wem weard eppar dia Scheib sein, dia Scheib und mei Kniascheib kearn dem Hanssmerl und der Seffa (Josepha) zur a guate Nocht, daß die Bettstatt krocht (kracht). Geaht sie guat, hobn si's guat, schaug, wia mei Scheibele ausigeat.
 
Spuren des Scheibenschlages sind wir auf dem 'Tartscher Bühel' nachgegangen und haben einige Scheiben eingesammelt.

Der archaische Feuerbrauch des Scheibenschlagens war ehemals im gesamten rätisch-alemannischen Alpenraum verbreitet. Der Brauch wird zum Abschluss der Faschingszeit von der unverheirateten Dorfjugend praktiziert und gilt als Fruchtbarkeitsbrauch. Heute lebt dieser Brauch noch im schwäbisch-alemannischen Raum, in Vorarlberg und im Vinschgau. Zum Brauch gehören eine Reihe von Ritualen und Sprüchen, deren Magie bei der Vorbereitung und beim Schleudern einer Scheibe anzuwenden ist, damit die Scheibe möglichst weit fliegt. Im Vinschgau sind die oben zitierten Sprüche überliefert, die jedoch auch variiert werden und oft geheimen Liebschaften im Dorf mit gelten, die mit den Sprüchen öffentlich gemacht werden.

Bevor das Scheibenschlagen beginnt, wird in Mals die 'Hex'' angezündet, ein mit Stroh umwickeltes Holzkreuz. Wenn die 'Hex' brennt', beginnt das Scheibenschlagen, bei dem von einer Erhöhung (in Mals das 'Tartscher Bühel') glühende Holzscheiben an einem Stock zunächst herumgewirbelt werden, um sie anschließend mit Schwung und begleitet von Sprüchen ins Tal zu schleudern. Nach dem 'Scheibenschlogn' besuchen die Burschen die Mädels in der Hoffnung, dass die 'Bettstatt krocht'.


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