Samstag, 15. Oktober 2016

Burgundreise Süd-Burgund 14.-16.10.2016: Auton, Cathédrale Saint-Lazare, Augustodunum

Janustempel, AutunCathédrale Saint-Lazare, Autun Wasserspeier Cathédrale Saint-Lazare, Autun Pyramide von Couhard (römisches Grab) in Autun

Nach dreitägigem Aufenthalt im Nord-Burgund reisen wir über Beaune, Côte-d’Or, nach Autun, Saône-et-Loire. In der Gegenwart ist Autun eine eher unbedeutende Kleinstadt, die jedoch auf eine große Vergangenheit und auf historisch bedeutende Ereignisse zurückblickt. Einige Relikte der Vergangenheit sind in der Gegenwart in Autun erhalten. Auf den ersten Blick beeindruckt nur die Kathedrale Saint-Lazar. Auf den zweiten Blick öffnen sich hinter unscheinbar auftretenden historischen Relikten spannende Einblicke in versunkene Welten. Der Besuch der wenig aufregenden Stadt Autun erweist sich zur eigenen Überraschung als ausgesprochen anregend und zur Nachbearbeitung motivierend.(1)

Die Historie Autuns betrachtet das Schlusskapitel: 'Streifzug im Zeitraffer durch die Geschichte Autuns von der Frühzeit bis zum Frühmittelalter'. Über Etappen unserer Burgundreise informieren die Reiseberichte:
14.-16.10.2016: Autun, Saône-et-Loire - Webseite Burgund-Tourismus: Autun 
Hotel du Commerce, Autun Das Hotelangebot ist in einer Kleinstadt wie Autun schmal. Unsere Unterkunft, das Hôtel du Commerce, punktet nicht mit Charme und Luxus. Rein zweckmäßig ausgestattete, kleine, einfach eingerichtete, saubere Zimmer entsprechen Erwartungen an die Kategorie von 2 Sternen. Positiv anzumerken sind die gute Geräuschdämmung der Zimmer und ordentliche Betten. Über seine Zimmer hinaus bietet das Haus freundlichen Service, eine akzeptable Küche und eine für Besichtigungen günstige Lage am Rand der Altstadt. Die Werbung "WiFi Gratuit" verstehen wir als Scherz. Lediglich im Erdgeschoss besteht eine extrem schwache Internetverbindung.
Mehr Charme als das Gastronomieangebot des Hotels versprühen in fußläufiger Entfernung das Restaurant Le Chateaubriand mit guter Küche bei moderaten Peisen und Bistros der Altstadt. - Tourismusseite Autun


15.10.2016: Kathedrale Saint-Lazare, Autun - Portal zur Kunst und Geschichte der Kathedrale von Autun (fr.) - eigene Fotoserie: Saint-Lazare
Hauptschiff Cathédrale Saint-Lazare, Autun Querschiff, Vierungsturm und Chorapsis der Cathédrale Saint-Lazare, Autun Cathédrale Saint-Lazare, Autun

Vor 4 Tagen haben wir die Kathedrale Sainte-Marie-Madeleine in Vézelay besichtigt, deren Baugeschichte in enger Konkurrenz mit der Baugeschichte der Kathedrale Saint-Lazare in Autun verbunden ist.(2) Im Vergleich zu Vézelay ist die politische Historie von Autun ungleich bedeutender. Gem. unsicherer Datierung ist Autun bereits seit dem 3. Jh. Bischofssitz. Bischof Leodegar von Autun initiierte während seines Episkopats (659-674) das Konzil von Autun.(3) Seit dem 12. Jh. thront auf dem höchten Punkt von Autun über der Altstadt die romanische Kathedrale Saint-Lazare, die dem heiligen Lazarus geweiht ist und dessen Reliquien aufbewahrt.(4) Im sog. Hundertjährigen Krieg wurde die Kathedrale 1379 von englischen Truppen zerstört. Kardinal Jean Rolin (Sohn des burgundischen Kanzlers Nicolas Rolin und lt. Beschreibungen so geld- und machtgierig wie sein Vater, der das Hôtel-Dieu in Beaune stiftete) ließ die Kathedrale wiederherstellen und den mächtigen Vierungsturm sowie die Chorapsis im spätgotischen Stil anbauen.(5)

Vorbild der Architektur von Saint-Lazare im Stil der burgundischen Romanik ist die nur wenig ältere, aber deutlich monumentalere Architektur der Abtei Cluny III, von der nur noch wenig erhalten ist. Portale, Tympana und Kapitelle von Saint-Lazare schmücken ausdrucksstarke Arbeiten, die als Meisterwerke burgundischer Bildhauerkust der Romanik gelten und Ausdrucksformen gotischen Stils vorwegnehmen. Ob die Arbeiten einem Meister Gislebertus zugeordnet werden können, ist eine umstrittene akademische und für die Qualität der Arbeiten und ihre dichte Atmosphäre unerhebliche Frage.(6) Die 'entmaterialisierte', natürliche Proportionen missachtende Darstellung von Körpern wirkt in ihrem Stil geradezu 'modern'. Der an Saint-Lazare realisierte Stil beabsichtigt offenbar, das Aufeinandertreffen göttlicher, menschlicher und dämonischer Wesen nicht als statische Bilder darzustellen, sondern als emotional bewegende dynamische Szenen, die deutlich machen, wie das Leben von Menschen auf der Erde von über- und unterirdischen Mächten beherrscht wird. - Interaktive Webseite des Tympanons: Le Tympan interactif (fr.)

Tympanon des Weltgerichts, Meister Gislebertus, Cathédrale Saint-Lazare, AutunTympanon des Welterichts: Thronender Christus, Engel, Apostel, Heilige, Seelenwägung, Paradies, Verdammnis














Besucher, die von der Vorkirche (Narthex) das Hauptschiff von Saint-Lazare betreten, durchschreiten das 'Weltgerichtsportal' (Westportal), dessen Tympanon als kunsthistorisch herausragendes Meisterwerk burgundischer Bildhauerkust eingeordnet wird. Der bemerkenswert gute Zustand der Erhaltung des Tympanons ist einer Wand zu verdanken, hinter der über Jahrhunderte vermeintlich nicht zeitgemäße Darstellungen versteckt waren, bevor sie im 19. Jahrhundert freigelegt wurden. Ungewöhnlich für die damalige Zeit ist die Darstellung von Nacktheit.

Im Zentrum des Tympanons thront Christus als Weltenherrscher in einer von Engeln getragenen Mandorla, der am Tag des Jüngsten Gerichts über die ins himmlische Paradies einziehenden Guten (zu seiner Rechten) und über die zur Hölle verdammten Bösen (zu seiner Linken) richtet. Zwischen Christus und dem Tor zur Hölle scheidet der Erzengel Michael mit der Seelenwaage die Guten von den Bösen. Haltung und Gesichter der Figuren vermitteln starke Emotionen der Angst und Hoffnung wie auch des Schreckens und Entsetzens. Auf einem Thron und von Engeln flankiert erwartet Maria gemeinsam mit den Aposteln die Gerechten im Paradies. Die Verdammten erwartet ein Heer grässlicher Dämonen.(7)

Szenen des Türsturzes unterhalb der Gerichtsszene zeigen Verstorbene, die mit Hilfe von Engeln aus ihren Gräbern steigen und zur Seelenwägung anstehen. Auch diese Szenen prägen starke Emotionen. Von links (Paradiesseite) nach rechts (Höllenseite) verändern sich Hoffnung und Angst in Richtung Schrecken und Panik. Am Geldsack eines Reichen hat sich eine Schlange festgebissen. Gleich mehrere Schlangen quälen eine Frau. Zwei monumentale dämonische Hände umgreifen einen nackten Mann und versuchen, ihn in die Hölle zu ziehen. Ein vom Schrei verzerrtes Gesicht erinnert an Bilder des zeitgenössischen Malers Francis Bacon. Im Sandstein des Tympanons sind apokalyptische Szenen modelliert, wie sie Hieronymus Bosch um 1500 z.B. im Triptychon Der Garten der Lüste als Maler realisiert hat.(7)

Oberhalb der Gerichtszene setzen sich figürliche Darstellungen in Bögen der Archivolten fort. Figuren des inneren Bogens sind nicht erhalten. Fragmente des zerstörten inneren Bogens stellt das Museum Rolin aus. Den mittleren Bogen verzieren pflanzliche Motive. Der äußere Bogen symbolisiert die göttliche Ordnung in der Abfolge von Zeit, Natur und menschlicher Arbeit. In Medaillons sind Tierkreiszeichen und jahreszeitlich abhängige bäuerliche Arbeiten im kosmischen Kalender dargestellt. - Dokumentation der 29 Medaillons (fr.)

Kapitell 'Sturz des Simeon', Cathédrale Saint-Lazare, AutunKapitell 'Versuchung Chrisiti', Cathédrale Saint-Lazare, AutunHauptschiff Cathédrale Saint-Lazare, Autun

Highlights des eher schmucklosen Innenraums des Langhauses sind erneut ausdrucksstarke figürliche Darstellungen von Säulenkapitellen. Höhe der Kapitelle und Lichtverhältnisse im Raum machen Besuchern die Betrachtung schwer. Zoomobjektive von Kameras und die Nachbearbeitung von Fotos lassen erst Details sichtbar werden. Mehr Details zeigen Webseiten des Portals 'Das schöne Detail': Autun sowie die französische Webseite 'Autun Art et Histoire': Les chapiteaux.

Kapitell 'Gott und Kain', Kapitellsaal Cathédrale Saint-Lazare, Autun Kapitell 'Traum des Herodes', Kapitellsaal Cathédrale Saint-Lazare, Autun Kapitellsaal der Cathédrale Saint-Lazare, Autun

Näher kommen wir einigen Kapitellen, die bei Restaurierungsarbeiten demontiert wurden und im Kapitellsaal über dem Querschiff von Saint-Lazare gegen 2 € pP Eintrittspreis besichtigt werden können. Die Ausdruckskraft der Figuren beschäftigt uns länger und macht verständlich, weshalb sich eine geführte Gruppe deutscher Besucher nur schwer aus diesem Raum zurückziehen kann. Besser als eigene Fotos vermitteln oben angegebene Webseiten Details der kunstvoll gearbeiteten Darstellungen.


15.10.2016: Besichtigungsrunde Augustodunum, Autun - Tourismusseite Autun - eigene Fotoserie: Augustodunum

Autun geht aus der antiken Stadt Augustodunum hervor. Ein nach der antiken Stadt benannter Rundkurs verbindet über 12 km (3-4 Stunden Fußweg zzgl. Verweilzeiten) antike und mittelalterliche Sehenswürdigkeiten der Stadt Autun.(8) Die Kathedrale Saint-Lazare liegt selbstverständlich auf diesem Parcours und ist Ausgangspunkt der nachfolgend beschriebenen Stationen unserer Stadtbesichtigung.


Ursulinenturm 
Ursulinen-Turm, AutunUrsulinen-Turm, Autun Unweit der Kathedrale steht an der Rue du Faubourg der Tour des Ursulines, Bergfried der ehemaligen Burg Riveau, die im 12. Jh. auf Fundamenten der gallo-römischen Stadtmauer errichtet und um das Jahr 1600 geschleift wurde. Turm und umliegendes Gelände nutzten seit dem 17. Jh. Ursulinen für eine Einrichtung zur Erziehung junger Mädchen. Während der Französische Revolution wurden Konvent, Turm und Gelände beschlagnahmt, verstaatlicht und verkauft. Seit 1862 ist auf dem Turm eine von Claude Quarré modellierte drei Meter hohe Statue der Jungfrau Maria platziert. Seit 1997 ist der Turm Eigentum des japanischen Kunstmalers und Restaurators Hisao Takahashi, der im Turm das franko-japanische Kulturzentrum Centre international de la Tour des Ursulines (CITU) eingerichtet hat.

Stadtmauer Autun
Stadtmauer Autun Am Boulevard Mac Mahon besichtigen wir einen Abschnitt der mittelalterlichen Stadtmauer, von der insgesmt 23 Wehrtürme erhalten sind. Die mittelalterliche Stadtmauer basiert auf Fundamenten der sechs Kilometer langen antiken Stadtmauer, die mit 54 Wehrtürmen und 4 Haupttoren versehen war.









Pyramide von Couhard
Pyramide von Couhard (römisches Grab) in Autun Ein etwas längerer Fußweg führt zum beschaulichem Vorort Couhard, der außerhalb der antiken Stadt auf dem Gelände der antiken Nekropole liegt. Am höchsten Punkt der ehemaligen Totenstadt befindet sich die 25 m hohe und wahrscheinlich im 1. Jh. n. Chr. errichtete Pyramide de Couhard. Ob es sich bei dem Bauwerk um ein Mausoleum oder um ein Kenotaph handelt, ist nach erfolglosen Untersuchungen unsicher. Bis zum 16. Jh. war das Bauwerk mit weißem Marmor verkleidet.







Römisches Theater
Römisches Theater, Autun Das römische Theater wurde um 70 n. Chr. erbaut. Mit einem Durchmesser von 148 m war es eines der größten Bühnen-Theater der römischen Welt und nahm 15.000-20.000 Zuschauer auf. Eine etwa 30 m hohe Mauer umschloss ehemals das Theater. Ab dem Mittelalter wurde das Theater bis in das frühe 20. Jh. als Steinbruch für Baumaterial genutzt.









Stadttore der gallo-römischen Stadtmauer
Porte d'Arroux - Stadttor der römischen Stadt Augustodunum Porte Saint-André - Stadttor der römischen Stadt Augustodunum
In der Ebene unterhalb der Altstadt durchqueren wir zwei (der ursprünglich vier) in der Gegenwart erhaltene zweigeschossige Haupttore der ehemaligen gallo-römischen Stadtmauer, Porte Saint-André und Porte d’Arroux. Bereits in der Antike waren die großen Torbögen für den Wagenverkehr vorgesehen, während Fußgänger die kleinen seitlichen Durchgänge nutzen. Von der Porte d’Arroux führte die Straße zur Via Agrippa Richtung Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer) und nach Avaricum (Bourges).

Janustempel
Janustempel, AutunJanustempel, Autun In der Ebene des Flusses Arroux sind außerhalb der Stadt Reste eines Kultbezirks erhalten, der irrtümlich dem römischen Gott Janus zugeordnet wurde und darum als Janustempel bezeichnet wird. Über Jahrhunderte ist der Name Janus durch Lautverschiebungen aus dem Namen des Viertels „La Genetoye" abgeleitet, ein Ort, an dem der Ginster spross. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass es sich bei der Anlage um Reste eines gallo-römischen Umgangstempels in einem ursprünglich gallischen (keltischen) Kultbezirk handelt. In späteren Jahrhunderten wurde die Tempelanlage als Steinbruch genutzt. Erhalten sind lediglich zwei Mauern eines heute 24 m hohen Turms mit quadratischem Grundriss, den ursprünglich eine Säulenhalle umgab.(12) Welchem Gott der Tempel gewidmet war, ist nicht bekannt. Wie die Tempelanlage ausgesehen haben könnte, zeigen Bilder einer Rekonstruktion.

Rekonstruktion Janustempel Autun Rekonstruktion Janustempel Autun Rekonstruktion Janustempel Autun



Streifzug im Zeitraffer durch die Geschichte Autuns von der Frühzeit bis zum Frühmittelalter
  • Siedlungsspuren sind in der Region aufgrund von Funden seit dem Neolithikum nachgewiesen.
  • Vor Gründung der Stadt Augustodunum (antikes Autun) lag die Hauptstadt des mächtigen gallischen Stammes der Haeduer, das Oppidum Bibactre, ca. 25 km entfernt auf dem Gipfel des Mont Beuvray. In der Stadt lebten auf einer Fläche von ca. 200 ha bis zu 10.000 Einwohner. In der Gegenwart finden seit Jahrzehnten umfangreiche international organisierte archäologische Untersuchungen am Ort des ehemaligen Oppidums Bibactre statt. Im Forschungszentrum informiert das Museum Bibactre über Grabungsfunde und deren Deutungen.(9)
  • Haeduer waren bereits vor dem Gallischen Krieg Handels- und Bündnispartner Roms und unterhielten Handelsbeziehungen in den Mittelmeerraum. Die Hauptstadt  Bibactre lag strategisch günstig zwischen den Tälern von Loire und Saône. Fernhandel wurde auf Flüssen abgewickelt. Waren aus dem Mittelmeerraum kamen über die Rhone und wurden über Loire, Saône oder Allier durch haeduische Gebiet nach Norden transportiert. Haeduer beherrschten einen bedeutenden Handelsknoten zwischen der keltischen und der römischen Welt und kassierten Zölle für passierende Waren. 
  • Nachdem Caesar eine Allianz keltischer Stämme im Gallischen Krieg unterwerfen konnte(10), gründete Kaiser Augustus 15/10 v. Chr. im Stammesgebiet der Haeduer die Stadt Augustodunum (Festung des Augustus) an der Fernhandelsstraße Via Agrippa und dem Fluss Arroux.(11) Weil das auf Hügeln liegende Oppidum Bibactre nicht dem römischen Stadtmodell entsprach, dem gemäß Städte prinzipiell an wichtigen Handelsrouten in der Ebene lagen, ließ Augustus die Stadt in der Ebene am Fluss Arroux anlegen, der als Transportweg genutzt wurde.
  • In folgenden Jahrhunderten gaben Haeduer das Oppidum Bibactre auf und siedelten sich in Augustodunum an. Das antike Augustodunum erreichte eine Ausdehnung, über die die Stadt bis heute nicht hinausgewachsen ist und galt in der Antike als 'Rom Galliens'.
  • Aus der gallo-römischen Stadt Augustodunum ging Autun hervor.
  • Nach der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im Jahr 451 ließen sich Burgunder mit Duldung Roms in der Region nieder.
  • Konflikte zwischen Burgundern und Franken konnten letztere in der Schlacht von Autun im Jahr 532 zu ihren Gunsten entscheiden. Burgunder unterwarfen sich Franken und verloren seit dieser Zeit ihren Status als selbständiges Königreich. 
  • Für fast 200 Jahre war Autun fränkische Hauptstadt, bis muslimische Verbände des Kalifats der Umayyaden die Stadt im Jahr 725 eroberten. 
  • Vorstöße von Umayyaden in das Frankenreich konnte der Karolinger Karl Martell, fränkischer Hausmeier, im Jahr 732 mit einem Heer aus Franken und Burgundern in der Schlacht von Tours und Poitiers stoppen. National-politisch verzerrte Kultur-Perspektive verklärte die Schlacht erst in der Neuzeit zu einem welthistorischen Ereignis und Karl Martell zum 'Retter des Abendlandes' (wie uns im Schulunterricht vermittelt wurde).(13) Die aktuelle historische Betrachtung bewertet die Schlacht von Tours und Poitiers als einen eher unbedeutenden Teil der Herrschaftskonsolidierung Karl Martells, aus der das Herrschergeschlecht der Karolinger hervorging.(14) 


Anmerkungen
  1. Einige Relikte der Vergangenheit sind in der Gegenwart in Autun erhalten. Besucher können diese Relikte in naiver Anschauung als Objekte betrachten, ohne Bedeutungen und Ereignisse zu erschließen, aus denen diese Relikte hervorgingen. Bedeutungen und Ereignisse sind keine Eigenschaften von Objekten. Objekte sprechen nicht zu uns und erzählen keine Geschichten. Deutungen und Wertungen von Objekten beruhen auf Informationen und normativen Wertvorstellungen, die unsere Wahrnehmung mit diesen Objekten bewusst oder unbewusst verbindet. Erst Informationen transformieren Objekte zu Bildern und Symbolen und setzen sie in Beziehung zu Ereignissen.

    Wenn wir eine Abbildung z.B. eines schönen Stuhls nicht als ein unbekanntes Objekt identifizieren, sondern als einen Stuhl, ist das nur darum möglich, weil wir Stühle und ihre Funktion kennen, d.h. wir verfügen über Vorwissen zu Stühlen. Wenn wir einen abgebildeten Stuhl zudem als 'schön' werten, vollziehen wir implizit (a) Vergleiche mit im Gedächtnis gespeicherten subjektiven Mustern der Funktionalität und des Designs uns bekannten Modellen von Stühlen, stellen uns (b) vor, welches Sitzgefühl dieser Stuhl vermitteln würde oder wie er sich als Objekt in eine Umgebung einfügen könnte und bewerten ihn (c) anhand abstrakter eigener ästhetischer Kriterien, die wir (d) im Lebenszeitraum in kulturell vermittelten Lernprozessen als normative Wahrnehmungsmuster entwickelt haben.
    Diese kognitiven Prozesse des Erkennens, Vergleichens, Bewertens und Lernens verlaufen in unserem kognitiven Apparat automatisiert ('unbewusst') und erfordern keine aktiven Eingriffe einer bewussten Steuerung. Wir können jedoch Einfluss nehmen, indem wir uns diese Vorgänge, ihre beteiligten Wechselwirkungen sowie
    Beschränkungen unserer Wahrnehmungsfilter und Auswirkungen dieser Parameter auf unsere Wahrnehmung (ähnlich wie ein beobachtender Dritter) bewusst machen und mit geeigneten steuernden Maßnahmen eingreifen.

    In Autun tun sich große eigene Informationslücken auf, die viele Fragen provozieren. Wer Antworten erwartet, muss diese in Rekonstruktionen historischer Ereignisse und ihrer Kontexte suchen, was mangels Vorwissen erst im Nachhinein möglich ist. Die Suche nach Antworten macht Arbeit und kann durchaus mühsam sein. Diese Arbeit ist unvermeidbar, aber sie wird reich belohnt. Sie verhilft zu zweckfreier Erkenntnis. 
  2. Ende des 9. Jh. gelangten Reliquien der Maria Magdalena nach Vézelay, worauf sich der vorher unbedeutende Ort zum Zentrum des Magdalenenkults entwickelte. Der Magdalenenkult zog zahlreiche Pilger auf dem Weg nach Santiago di Compostela an. Vézelay blühte auf Kosten von Autun wirtschaftlich auf. Autun musste handeln. Der Bischof von Autun forderte aus Marseille die in der Kirche Saint-Victor aufbewahrten Reliquien des Heiligen Lazarus an, gemäß Legende der Bruder von Maria Magdalena. Im Jahr 972 wurden die Reliquien nach Autun in die Vorgängerkirche der heutigen Kathedrale feierlich überführt. Als ein Großfeuer die Kathedrale von Vézelay zerstörte, wurde sogleich ein Neubau begonnen, was noch im gleichen Jahr in Autun zum Neubau der Kathedrale motivierte.
  3. Leodegar war in Ränken zwischen fränkischen und burgundischen Adelsgeschlechtern verwickelt. 674 wurde er gestürzt, 678/9 enthauptet und bald als Märtyrer heilig gesprochen, obwohl sein Tod lediglich Folge weltlicher Konflikte war. Ökomenisches Heiligenlexikon: Leodegar von Autun
  4. In der Figur des Lazarus verschmelzen unterschiedliche biblische Personen mit Legenden aus mehreren Orten in unterschiedlichen Zeiten. Gemäß Überlieferung in Südfrankreich gilt Lazarus als Bruder von Maria Magdalena. Lt. Überlieferung wurden die beiden mit Maria des Kleophas und Martha von Bethanien von Juden auf einem segellosen Schiff ausgesetzt und landeten in dem Fischerdorf Saintes-Maries-de-la-Mer bei Marseille, wo Lazarus zum ersten Bischof von Marseille gewählt wurde, während Maria Magdalena in der Provence missionierte. Gemäß einer anderen Legende wurde Lazarus von Paulus und Barnabas als erster Bischof von Larnaka, Zypern, eingesetzt.
    - Ökumenisches Heiligenlexikon: Lazarus von Bethanien, Maria von Bethanien, Maria Magdalena
    -Aufklärung leistet Bettina Knust in der Zeitschrift "Die Klapper" des Lepramuseums Münster-Kinderhaus: Lazarus, ein Heiliger mit einer dreifachen Biographie
  5. Bildersammlung der Außenansicht der Kathedrale in der internationalen Datenbank Structurae für Bauwerke und Bauingenieure: Saint-Lazare
  6. Der Name Gislebertus ist am Westtympanon der Kathedrale in Stein gemeißelt: 'Gislebertus hoc fecit' ('Gislebertus hat dies gemacht'). Gislebertus könnte ebenso Name des Künstlers wie Name eines Stifters sein.
    Über den Bildhauer Gislebertus sind nur wenige biographische Daten bekannt. Seine Lehre soll er in Cluny absolviert haben. Bevor er in Autun tätig wurde, dürfte er an Verzierungen der Kathedrale Maria Magdalena in Vézelay mitgewirkt haben, deren figürliche Darstellungen große Ähnlichkeiten mit Darstellungen der Kathedrale Saint-Lazare in Autun aufweisen.
  7. Detaillierte bebilderte Beschreibung figürlicher Darstellungen zeigt in hoher Auflösung die Webseite  'Das schöne Detail': Portale, Tympana und Kapitelle in Burgund
  8. Die nicht immer einfache Orientierung auf dem Rundgang unterstützt ein Flyer des Tourismusbüros. Wir verlaufen uns mehrmals und legen einige zusätzliche Kilometer zurück.
  9. Den Komplex haben wir bedauerlicherweise nicht besucht, weil wir erst nach Rückkehr im Rahmen der Nachbearbeitung Kenntnis über ihn erlangten.
  10. Auf diese Story sind wir am 13.10.2016 im Nord-Burgund bei Alise-Sainte-Reine getroffen: Burgundreise Nord-Burgund
  11. Quellenverweise
    - Wikipedia: Augustodunum
    - Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft: Augustodunum
    - The Princeton Encyclopedia of Classical Sites: Augustodunum (engl.)
  12. Webseite des Forschungsprojektes Janustempel (fr.)
  13. Til Biermann in 'Die Welt' vom 7.03.2013: Karl "der Hammer" Martell - Retter des Abendlandes
  14. Vermutlich beabsichtigten Araber und Mauren keine islamische Expansion nördlich der Pyrenäen in aus ihrer Sicht unterentwickelte, arme Gebiete. Sie unternahmen jedoch von Al-Andalus aus mehrfach Raubzüge und Strafexpedtionen in das Frankenreich, in dem vor allem Klöster reiche Beute versprachen. In der Folgezeit entstand in Al-Andalus ein selbständiges umayyadisches Reich, das ab 756 zunächst als Emirat von Córdoba und ab 929 als Kalifat von Córdoba deklariert wurde und bis 1031 bestand.

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